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BigBANG
26 Nov. 2025, 11:27
Zitat von: Sittenstrolch
Ja, hallo. Bei mir drückt grade mal wieder der Schuh. Bin jetzt seid >20Jahren regelmäßig in 24h-Diensten und es langsam einfach leid. Dazu kommt, dass mein Job nicht so ist, dass ich nebenbei ein Buch lesen könnte, selbst ein längerer Toilettengang klappt in 24h manchmal nicht. Diese Woche arbeite ich drei Mal 24h (Di, Fr, So), dazu zwei mal 9h normal. Überstunden nicht mit eingerechnet. Bei Facharzt nicht im ersten Jahr gibt das bei ~44€/h ganz gut Kohle, ist aber auch ein Knochenjob.
Generell macht mir der Job viel Spaß, bin sozusagen großer Fisch in kleinem Teich, das, was es in meinem Haus (Maximalversorger) in meiner Rolle zu beherrschen gibt beherrsche ich locker, operiere viel, arbeite auch an den Hintergrunddiensten mit, aber eben freiwillig zum Pensum. Habe neben der Medizin Orgarollen (Dienstplan, Weiterbildungsbeauftragter usw), verstehe mich super mit dem Chef. Aber es geht nicht mehr weiter. Gehalt ist gut, mit allen Diensten, Zulagen usw. bin ich irgendwo nördlich der 115k brutto.
Ich würde gerne den Sprung nach oben schaffen und als Oberarzt im Hintergrunddienst Zuhause chillen, während die Assis den Unsinn in der Ambulanz abarbeiten, aber dank Krankenhausstrukturreform gehen grade reihenweise Chirurgien den Bach runter. Ich konkurriere also teilweise mit leitenden Oberärzten um Einstiegsstellen. Gäbe es heimatnah und so, wie ich mir das wünsche in frühestens 5 Jahren.
Weil (gute, nicht-arabische) Assistenten und Fachärzte sehr rar sind sind die sehr begehrt, ich könnte auch in irgendein gechillteres Fach wechseln, zB Anästhesie, bissel Notarzt fahren diesdas. Aber da ist bei mir keine Leidenschaft dahinter, und auch wenn der Job chilliger ist, sind 50-60h/Woche immer noch viel, um nicht Zuhause zu sein.
Die andere Alternative ist: Stelle reduzieren, 2 Tage die Woche frei. Weiter operieren, noch nen Facharzt machen, ggf. ne Weiterbildung. Hätte etwas Verdiensteinbußen, aber nicht skalierend zur Stellenreduktion (bei 60% Anstellung würde ich nur 20% weniger arbeiten, weil die Anzahl der 24h-Dienste nicht sinkt, hätte also ein paar Tage die Woche frei und nur ~ 1k netto/Monat weniger). Weil mein Chef bald in Rente geht und dann ein neuer kommt, der mich dann nur als den 50%-Sittenstrolch kennt, karrieretechnisch aber unvorteilhaft.
Oder ich geh in ein MVZ, keine Wochenenden mehr, 120k/Jahr, aber auf der Arbeit einfach ein konsequenter Crunch und Druck. Mindestens 80 Patienten/Tag, besser mehr. Keine Aufstiegschancen.
Und, und das bringt mich Grade echt zum Grübeln: Amtsarzt. Bei mir in der Nähe gibt's Grade eine nicht befristete, 100% Amtsarztsstelle, noch nicht ausgeschrieben, weiss ich nur über Vitamin B.
Vorteil: 40h/Woche. Ein Tag Home-Office pro Woche. Nie wieder Stress auf der Arbeit. Gleitzeit. Mögliche Verbeamtung (bis zur 42 hab ich noch ganz knapp Zeit). Kinder aus der Kita abholen. Monate im voraus wissen, welche Wochenenden man frei hat (alle.jpg). Nie mehr nachts aufstehen weil irgendjemand Hausarzt und Notfallambulanz verwechselt. Das erste Mal in meinem Leben könnte ich tatsächlich was anderes während der Arbeitszeit machen als zu arbeiten.
Aber: Deutliche Einkommenseinbußen, bis zu 30%. Nur dank 13. Monatsgehalt sind die 100k realistisch. Ich könnte nebenbei an einem WE Notarzt fahren um das Gehalt aufzubessern, aber dann arbeite ich ja schon wieder am Wochenende. Wer einmal raus aus der Chirurgie ist, der findet auch keine gute Stelle mehr, sondern eher den Quatsch. Sicher niemals Oberarzt. Kein zweiter Facharzt.
Und, was mich irgendwie am meisten trifft: Statusverlust. Chirurg sein ist prestigeträchtig, es ist einfach cool, wenn du das Kind vom Nachbarn mal eben nähen kannst, wenn's verletzt ist. Wenn dich hübsche Schwesternschülerinnen anhimmeln. Wenn du, ganz pathetisch, mit einfachen Dingen Menschen hilfst. Mit der Berufsbezeichnung können Leute was anfangen. Einfach einen sinnstiftenden Arbeitsplatz zu haben. Amtsarzt dagegen klingt nach Halbglatze, durchgefurztem Sessel und Bauchabsatz (auch wenn ich den habe).
@BigBANG @ProfHase @TreuerStadtschinken irgendwie seid ihr die einzigen hier denen ich zutraue, ein geregeltes Leben zu führen. Habt ihr Gedanken dazu?
€: nicht zu unterschätzender Vorteil im Krankenhaus: Familienmitglieder mal eben zum Kardiologen, Onkologen oä schicken. Medikamente zum Mitarbeiterrabatt. Mal eben in die Ambulanz zum Sono fahren mit der schwangeren Frau. Hinz und Kunz kennen.
Du kommst jetzt auch langsam in die zweite Lebenshälfte und das ist die perfekte Gelegenheit mal nach innen zu schauen, weshalb das Ego den Status so sehr braucht.
Ich wünsche mir in der zweiten Lebenshälfte viel Zeit mit der Familie und wenig Stress. Status und Geld füttern das Ego und es ist als junger Mann auch sehr wichtig dieses Ego zu besitzen, um etwas in dieser Welt erreichen.
Aber es kommt der Kipppunkt, an dem das Ego einem nur noch im Weg steht.
Muss man sich bis zur Rente immer wieder neu beweisen? Wird es nicht irgendwann peinlich, wenn ich mit 50 den jungen Codern beweisen muss, dass ich hier immer noch der geilste H4ckz0r bin?
Ich persönlich kenne meine Antwort. Ich brauche diesen Status nicht. Ich bin froh wenn ich und meine Familie gesund sind und ich stressfrei leben kann.
Es ist aus meiner Sicht eine ganz gesunde und normale Entwicklung, wenn dieser Drang nach Status nachlässt. Es wird dann mehr Zeit nach innen zu schauen und ein authentisches Leben zu führen,
Bei meinem jetzigen Job verdiene ich ganz gut, aber könnte in Zürich wahrscheinlich deutlich mehr verdienen, wenn ich die Leiter weiter hoch will. Mit 37 bin ich eigentlich auch genau in dem richtigen Alter dafür.
Aber ich behalte lieber meinen chilligen Job, wo ich mir meine Zeit freier einteilen kann.
Mit meinem Zweitstudium bereite ich mich darauf vor in der zweiten Lebenshälfte etwas Neues kennenzulernen und meinem persönlichen Interesse zu folgen. Geld und Rang sind da nicht mehr an oberster Stelle.