#9144
ProfHase
11 Nov. 2024, 19:01
So, ihr wollt Paret 2 ihr bekommt Paret 2. Er wartet aber bitte keine epischen Plottwists, so spannend wird es dann doch nicht. Die nubische Prinzessin spielt keine Rolle mehr und ein Kriminalfall wird daraus auch nicht mehr.
Jedenfalls fahren wir dann mit der Bahn, er fragt mich mittlerweile schon zum zweiten Mal wo ich denn hin muss. Ich sage ihm nach XXX (zensiert wechne @BSKartoffel), er so das ist ja ganz woanders, ich so kein Problem ich mache das schon, ne, das müssen Sie nicht, ich so doch kann ich machen, kein Problem.
Plötzlich, nach ungefähr 5 Minuten Fahrt, fällt ihm ein, dass er noch ein Bahnticket braucht. Er fragt mich, ob ich denn keines bräuchte. Ich erkläre ihm, dass ich ein Deutschlandticket hätte, wir uns aber erstmal um sein Ticket kümmern müssen, bevor wir das Deutschlandticket diskutieren. Ich biete ihm an, das Ticket zu kaufen und zu bezahlen. Wenn mich der Alte Menschen Faden etwas gelernt hat, dann das alte Menschen und Geldbeutel eine never ending story sind. Dann lieber drei Euro spenden und die Nerven schonen. Natürlich besteht er darauf, dass er zahlt, ich solle aber bitte das Ticket am Automaten holen. Er holt also sein Geldbeutel aus der Jackentasche. Klappt ihn auf und - oh Boy - natürlich, wie es sich für alte Menschen gehört, randvoll mit Geld. 200-Euro-Scheine, 100-Euro-Scheine, paar Fuffies, insgesamt bestimmt 1500 Euro. Der kann so froh sein, dass er an mich geraten ist und nicht an irgendeinen Törken. Ich sage ihm, dass wir 3 € brauchen und er fängt an, im Münzfach zu wühlen. Holt 70 Cent raus, streckt sie mir entgegen und ich sage nur nee sorry, das reicht nicht. "Geben Sie mir einen Zehner, den Rest bekommen sie wieder". Nach kurzer Suche findet er bei den ganzen dicken Scheinen zum Glück einen Zehner und gibt ihn mir. Ich hole also in Rekordzeit das Ticket und gib ihm seine 7 € in Münzen wieder. Beim Einfüllen der Münzen in den Geldbeutel fallen ihn natürlich zwei 2 € Stücke auf dem Boden, denen ich in der Bahn hinterher jage und ihm gebe. Er möchte sie aber gar nicht mehr und sagt, ich soll sie behalten. Brauche ich jetzt nicht wirklich, aber ehe sie ihm beim Einfüllen wieder auf den Boden fallen, stecke ich sie lieber ein. Dnake.
"Muss ich das Ticket stempeln?". Nein, müssen Sie nicht, das ist sofort gültig für eine einfache Fahrt im gesamten Stadtgebiet, wenn es aus dem Automaten kommt. Zwischenzeitlich waren wir 10 Minuten gefahren und er hat auch schon zweimal gefragt, wann wir aussteigen müssen. An der nächsten größeren Kreuzung fragte er, ob er jetzt hier aussteigen müsse und wann ich aussteigen müsse. Ich sagte, eigentlich muss ich hier raus und umsteigen. Daraufhin wieder eine kurze Diskussion, dass er den Rest ja auch alleine schaffe. "Nein, ich bring sie bis zum Ziel". Am berühmten Königsplatz fragte er wieder, ob er aussteigen müsse. Anschließend erkannte er, dass wir an der Galeria vorbeigefahren sind. Er nannte die Galeria, wie es sich für einen alten Menschen gehört, mit ihrem alten Namen "Kaufhof". Kurz danach, nachdem er am Rathaus fragte, ob er hier aussteigen müsse, fragte er mich, wo denn sein Ticket sei. Das hatte er kurz vorher fein säuberlich zusammengefaltet und in seinem Geldbeutel versteckt. War ja im Grunde egal, kontrolliert wird ja eh nur zweimal im Jahr. Er bekam aber leider Panik, weil er dachte er hätte das Ticket verloren. Also es noch kurzer Suche dann im Geldbeutel Pfand, fragte er mich noch mal ob er es denn jetzt abstempeln müsse. Ich verneinte. Er fragte dann, ob er beim Aussteigen Stempeln müsse. Nein, Sie müssen das überhaupt nicht Stempeln, aber wenn sie aussteigen, dann sind sie ja zu Hause und brauchen das Ticket ja gar nicht mehr, oder?
Das war dann auch der Zeitpunkt, an dem mir die längst überfällige Frage einfiel, wie weit er dennoch von der Haltestelle bis nach Hause laufen müssen. 300 m, kam es wie aus der Kanone geschossen. Oh Boy. Die 30 m zur Bushaltestelle dauerten 5 Minuten und danach musste er sich ja erstmal setzen!
Die Fahrt ging noch ein paar Minuten weiter, noch drei Haltestellen, dann müssen wir raus. Ich plane gedanklich, wie wir am besten aus der Bahn kommen, ohne dass sie abfährt. Da sagt er plötzlich, da wohne ich und zeigt aus dem Fenster. Auf meinen Hinweis, dass seine Zielhaltestelle, die er mir genannt hat, erst die übernächste ist, meinte er nur "Ne, ne, hier können wir auch raus". Die Bahn setzte schon zum Bremsen an und ich musste meinen Ausstiegsplan sofort in die Tat umsetzen. Ich sagte zwei Personen an der Tür, bitte halten Sie die Tür auf, wir brauchen hier ein bisschen länger. Jemand neben mir half mir, ohne dass ich ihn darum bitten musste, den alten Mann hoch zu wuchten. Die Bahn wäre eigentlich theoretisch schon zweimal losgefahren, dann schaffen wir es auch aus.
Also standen wir da, es war am regnen, er musste aber erstmal durchschnaufen. Dann ginge aber los, wollte direkt über die Gleise, wobei ich mir zu 100% sicher bin, dass er den Absatz an den Gleisen nicht geschafft hätte. Ich so "Wir gehen da hinten schön bei der Ampel". Ampel grün gedrückt und es wieder nicht während der Grünphase rüber geschafft. Das müsst ihr euch einfach mal lebh vorstellen, wie lang diese Grünphasen eigentlich sind, die sind so designt, dass es jeder Rentner schaffen sollte. Haben es aber unversehrt über die Hauptstraße geschafft, mussten aber dann gleich noch über eine Seitenstraße. Da war auch eine Ampel, die ich gleich drückte, er meinte aber nee ich gehe da lang und zeige diagonal über die Straße. Ich denke mir nur "Oh Mann, du schaffst es nicht mal gerade über die Straße und willst jetzt irgendwie einen auf Harakiri machen".
Auf der anderen Straßenseite - wieder nicht in der Grünphase - angekommen, verabschiedete er sich von mir. Ich merkte, dass er nicht will, dass ich weiß, wo er wohnt. Schon während der Fahrt fragte ich nach seiner Adresse, dass ich die richtige Haltestelle raussuchen kann, da verweigerte er sich auch schon. Ich reichte ihm die Hand, stellte mich noch mit Vornamen vor, fragte nach seinem Vornamen (Walter) und wünsche ihm einen schönen Tag.
Und wenn er nicht gestorben ist, dann schlurft er noch heute.
Grüße gehen raus an die Diktierfunktion von SwiftKey, ohne die diese Geschichte nicht möglich gewesen wäre.