#94339
BigBANG
7 Jan. 2023, 23:31
Zitat von: ProfessorSchnabel
Es ist in der Tat erstaunlich, wie Reinerle uns auch nach etlichen Jahren nicht loslässt. Dazu könnte man viel sagen – doch wenn ich es für mich selbst auf eine kurze Formel bringen soll:
Rainer bietet einen Blick in menschliche Abgründe, von denen ich viele in mir selbst angelegt sehe. Er ist so etwas wie das fleischgewordene Gedankenspiel, das der Frage nachgeht: Was, wenn ich jegliche Disziplin und Selbstbeherrschung fahren lasse und die nächsten Jahre nur noch meinen unmittelbaren Neigungen nachgehe?
Da mir schmerzlich bewusst ist, wie schwer der Kampf mit dem inneren Schweinehund oft fällt, ist Rainer bereits durch seine bloße Existenz eine Provokation. Denn er verweigert nicht nur jegliche Auseinandersetzung mit seinem inneren Schweinehund. Vielmehr umarmt er die Existenz als ebendieser auch noch und zelebriert seine eigene Hingabe an die niedersten Triebe als seinen einmaligen Charakter, den niemand jemals verstehen und wertschätzen könne.
Etwas dramatisiert: Rainers Lebensweise ist die Verleugnung der Realität. Zumindest der Alltagsrealität, in der wir uns alle zunächst und zumeist bewegen und aus der wir unsere Erfahrungen schöpfen. – Und dann gibt es da diesen einen Typen im Internet, der seit bald einer Dekade darauf beharrt, dass all unsere Erfahrungswerte für ihn keinerlei Geltung haben.
Es ist wahrscheinlich ein in vielen Menschen tief verankertes Bedürfnis zu erleben, dass solcherlei Hochmut, Arroganz und Aggressivität gegenüber jeglicher Kritik irgendwann auf den harten Boden der Tatsachen aufschlagen. Im Alten Testament steht dafür der in der Forschung sog. Tun-Ergehen-Zusammenhang: Gott segnet die Frommen und straft die Gottlosen – auch ganz handfest, was das Materielle und Lebensglück angeht.
Alles, was Rainer tut, dient in irgendeiner Weise dazu, sich und anderen zu beweisen, dass er über einem solchen Tun-Ergehen-Zuammeng steht. Immer schon stand. Immer stehen wird. – Und auch diese, von Rainer so oft verwendete, dreigliedrige Temporalformel klingt wohl nicht ganz zufällig an biblische Formulierungen der göttlichen Selbstcharakterisierung an (»Ich bin, der ich bin«).
Anders als so mancher Unsinn, den er von sich gab, ist seine Rede von sich selbst als »höchstem Wesen« und »einer neuen Art Mensch« durchaus ernstgemeint. Er ist der festen Überzeugung, dass unzählige Regeln, Beschränkungen, Erfahrungswerte usw. allein für ihn nicht gelten.
Eine wesentliche Faszination des Drachenspiels besteht – zumindest für mich – darin, eins ums andere Mal Zeuge zu werden, wie Rainer von dieser selbst verschuldeten gigantischen Fallhöhe aus ungebremst aufs Fressbrett fällt. Unterhaltsam ist es durch den Kontrast von völlig überhöhtem Selbstanspruch und der traurigen Fakten seines Lebens. Zutiefst befriedigend durch den immer wieder erlebten Sieg der Wirklichkeit über Rainers hochtrabende Flausen. Und innerlich reinigend durch die Möglichkeit, den Unwillen über eigenen Charakterschwächen ganz auf Rainer zu übertragen und sie dort verurteilen und verspotten zu können.
Letztenendes alles ganz banal.
Beste WoT, die ich über die inneren Antriebe des Haidens bisher gelesen habe.
Und es schafft sogar Verständnis für den „Mob“, der sich um Rainer gebildet hat. Sehr schön 10/10.