ALTSCHAUERBERG - Terror. Jeden Tag aufs Neue. Acht Jahre lang litten Anwohner unter den Auseinandersetzungen zwischen dem ehemaligen Youtuber Rainer Winkler und seinen Hatern. Dann zog der Drachenlord aus. Herrscht nun endlich Ruhe in dem mittelfränkischen Ort?
Ein verlassenes Häuschen, ein provisorischer Metallzaun. Brachfläche, auf der etwas Gras wächst. In Altschauerberg, wo einst das Haus des Ex-Youtubers Rainer Winkler stand, ist nicht mehr viel von dem Terror zu spüren, der das Dorf im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim viele Jahre nicht zur Ruhe kommen ließ. Vor exakt einem Jahr war der umstrittene Streamer aus seinem Geburtshaus ausgezogen, kurz darauf rissen Bagger das Gebäude ab. In dem 40-Einwohner-Dorf bei Emskirchen trauert niemand Rainer Winkler hinterher, dem Mann hinter dem Netzphänomen. Im Gegenteil.
Lange war Altschauerberg ein Dorf der Verschwiegenen. Nur wenige wollten über den Drachenlord reden, über den Terror vor ihrer Haustür, die ständigen Polizeieinsätze. Inzwischen hat sich der Schleier der Angst etwas gelüftet.
Es sei deutlich ruhiger geworden in den vergangenen Monaten, bestätigen mehrere Anwohner. "So, wie die Stimmung eigentlich sein sollte in einem Dorf", fasst es einer zusammen. Ihre Namen im Zusammenhang mit dem Drachenlord in Medien lesen wollen sie aber weiterhin nicht. "Das Tourismusaufkommen ist weniger geworden", sagt eine andere - und meint damit die Hater, die jahrelang Winklers Grundstück belagerten. Sie verschwanden mit seinem Auszug nach und nach. Die neue Ruhe war den Anwohnern sogar ein Dorffest wert.
Sie klauten Dachziegel oder Pornohefte
Unmittelbar nachdem der Drachenlord Altschauerberg den Rücken gekehrt hatte, rückten die Bagger an. Eine große Schaufel fraß sich durch die Ruine, die Winkler zurückgelassen hatte. Zuvor hatten die Gemeinde und auch die beauftragten Baufirmen auf strikte Geheimhaltung gesetzt - die physische Demontage des Netz-Phänomens sollte still über die Bühne gehen, ohne Hater, die den Abriss zu einer Privatfeier machen.
Alles verhindern konnte auch diese Diskretion nicht. Mehrfach brachen Gegner des Drachenlords in den Torso der "Schanze" ein. Sie klauten persönliche Gegenstände, Pornohefte und sogar Dachziegel, die sie im Netz verkauften. Die Souvenirjagd in den Trümmern sorgte ein letztes Mal für viel Ärger, markierte aber auch das Ende des sogenannten Drachengames in dem Dorf. Vorerst.
Keine Böller, kein Gebrüll, keine Reiterstaffeln
Denn ganz von der Landkarte der Hater verschwunden ist der Ort noch immer nicht. Eine leere Sektflasche vor dem ehemaligen Winkler-Grundstück, verziert mit einer Schleife, zeugt davon, dass Leute hier waren. "Die stand heute morgen noch nicht da", sagt ein Anwohner. Auch ein Jahr nach dem Abriss kommen immer wieder Fremde gezielt hierher. "Aber die halten nur kurz, machen ein Foto und fahren wieder." Keine Böller mehr, kein Gebrüll, mit dem Winkler oft den ganzen Ort in Aufruhr versetzt hatte.
"Das Thema ist in Altschauerberg erledigt", bestätigt auch Carsten Keller, Dienststellenleiter der zuständigen Polizeiinspektion Neustadt/Aisch. "Es gab Zeiten, da mussten wir mehrmals täglich in das Dorf fahren, nun sind wir nur noch selten dort." Unterstützungskräfte wie Reiterstaffeln, die immer wieder nach Altschauerberg gerufen wurden, würden nicht mehr gebraucht.
Und was denkt der einstige Dorfbewohner Rainer Winkler über seine alte Heimat? Ist der Ärger vorbei? "Soweit ich informiert bin nicht", sagt er auf die Frage, ob das Dorf ohne ihn nun zur Ruhe gekommen sei. Was das heißen soll, bleibt offen.
Grundstück wird wohl nicht verkauft
Die Gemeinde wollte einen Wallfahrtsort verhindern, eine Pilgerstätte für alle, die dem Drachenlord verfallen sind. Das ist mehr oder weniger gelungen, was auch Neustadts Polizeichef Keller bestätigt. Das Grundstück, das die Stadt gekauft hat, ist unbebaut - und das bleibt es auch erst einmal, wie es aus dem zuständigen Emskirchener Rathaus heißt. Ob sich in der Provinz schnell ein Käufer für ein Areal findet, das außer weitläufiger Natur und einer Hand voll Nachbarn nichts zu bieten hat, ist natürlich ohnehin fraglich. Die Gemeinde versucht es aber vorerst auch gar nicht. Die Gefahr, dass Hater das Grundstück inkognito erwerben, sei zu groß. Und dann ginge der Ärger womöglich von vorne los.
Auch wenn der Drachenlord längst weg ist, die Faszination und zweifelhafte Anziehungskraft, die der Ex-Youtuber ausübt, ist es nicht. Noch immer arbeiten sich Hunderte Hater an den aktuellen Eskapaden Winklers ab. Noch immer beschäftigt sich eine Telegram-Meute mit dem Streamer. Noch immer gibt es dort, wo er auftaucht, Polizeieinsätze.
Zuletzt war das beispielsweise in Nürnberg oder Bad Windsheim der Fall, wo der Drachenlord in einem Hotel residierte. Gerüchte machten die Runde, der Landkreis bezahle eine dreistellige Summe pro Nacht für eine Suite, weil Winkler obdachlos sei. Bewahrheitet hat sich das nicht. Sämtliche Behörden winkten nach Informationen unserer Redaktion ab, Geld floss nicht. Doch nachdem Hater das Hotel mit Telefonanrufen und schlechten Bewertungen bombardiert hatten, musste Winkler gehen. Wie schon so oft.
Deshalb irrte Winkler durch Deutschland. Zuletzt war Winkler in Berlin, auch dort fanden ihn seine Anti-Fans schnell. "Wir wissen meistens, wo er ist", sagt auch Neustadts Polizeichef Keller. "Wir sind gespannt, wie es weitergeht" - mit dem Drachenlord und Altschauerberg. Würde Rainer Winkler sein Haus noch einmal verkaufen, jetzt, mit etwas Abstand zu der Sache? Schließlich ist er seitdem ohne festen Wohnsitz. Winkler: "Ich würde alle Entscheidungen immer wieder so treffen."