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Ja, komm ey. Wer wohnt denn in 1 Scheisskaff wenn ers net lesne kann, gans ellich. Aber ich bin ja 1 Netter, gell
«Kriminell und betrügerisch»: Wie aus einer alten, zusammengebastelten Omega-Uhr eine 3-Millionen-Franken-Rarität wurde
Vintage-Uhren erreichen an Auktionen regelmässig Rekordpreise. Das lockt auch Leute mit krimineller Energie an, wie das Beispiel einer Omega Speedmaster zeigt, die beim Auktionshaus Phillips versteigert wurde. Was man als Käufer wissen sollte.
Am 5. November 2021 gegen 17 Uhr ereignet sich an der Versteigerung des Auktionshauses Phillips in Genf Spektakuläres: Im weissen Zelt vor dem Hotel «La Réserve» kommt Los Nummer 53, eine Omega Speedmaster, auf den Tisch. Laut Katalog handelt es sich um eines der frühesten Exemplare des legendären Uhrenmodells. Die Speedmaster sollte später als «Moonwatch» Kultstatus erlangen, da sie die Nasa-Astronauten 1969 bei der ersten Mondlandung trugen.
Phillips schätzt den Wert der Uhr auf 80 000 bis 120 000 Franken. So steht es im Katalog. Aber bald zeigt sich, dass das Bieterrennen bei diesem Preis erst richtig in Gang kommt. Selbst als die erste Million erreicht ist, kommen munter Gebote aus Texas, Oman, China – bis die Uhr schliesslich für 3,115 Millionen Franken unter den Hammer kommt. Dreissig Mal so viel wie der Schätzwert, rund acht Mal so viel, wie je für eine Speedmaster bezahlt wurde: ein Rekord für Omega.
Der Preis wird gefeiert, von
Phillips wie auch von Omega selbst. Drei Millionen Franken – solche Beträge für Vintage-Uhren gab es zuvor höchstens bei Modellen von Patek Philippe oder Rolex. Bei Omega ist man so erfreut, dass nach dem Verkauf eiligst ein überschwängliches Pressecommuniqué verschickt wird mit dem Titel «Verkaufspreis der Speedmaster bricht neuen Weltrekord».
In Sammlerkreisen ein Déjà-vu
Bei Sammlern sorgt aber nicht nur der Preis für Erstaunen, sondern auch die Uhr selbst. Gemäss dem Auktionskatalog handelt es sich um eine Speedmaster, die am 22. November 1957 produziert wurde. Ihr Aussehen kommt einigen Omega-Aficionados indes bekannt vor.
Auffällig ist das von der Sonne in einen Braunton ausgebleichte, ursprünglich schwarze Zifferblatt. Eine Seltenheit eigentlich, aber es sieht genauso aus wie das Zifferblatt der Uhr, die der Berner Uhrensammler und -händler Paul (Name der Redaktion bekannt) wenige Monate zuvor verschiedenen Leuten zum Kauf angeboten hatte. Vergeblich. Paul verlangte 50 000 Franken für seine Speedmaster, brachte sie zu diesem Preis aber nicht los, weil die Uhr zusammengebastelt war und die Bestandteile teilweise nicht einmal zusammenpassten.
Gebrauchte Uhren sind dann besonders wertvoll, wenn sie möglichst im Ursprungszustand sind. So müssen etwa Servicearbeiten oder Reparaturen vom Uhrenhersteller selbst oder von autorisierten Fachleuten mit Originalteilen durchgeführt worden sein. Besteht eine Uhr aus Teilen, die zwar original aus der Zeit sind, aber von verschiedenen Uhren stammen, schmälert dies den Wert. Noch weniger Sammlerwert haben Uhren mit Bestandteilen, die aus einer späteren Zeit stammen oder gar nachfabriziert wurden.
Bei Pauls Uhr bestand etwa die Leuchtmasse auf Zifferblatt und Zeigern aus Tritium und nicht mehr aus dem radioaktiven, mittlerweile verbotenen Radium. Sekundenzeiger und Lünette passten nicht zum Zifferblatt, und vor allem: Das Werk stammte aus einer anderen Zeit.
Wenig später taucht dann an der Phillips-Auktion eine Speedmaster mit dem unverkennbaren Zifferblatt auf, aber ohne all die genannten Makel. Wie passt das zusammen?
Die NZZ hat in den vergangenen Monaten versucht, dies herauszufinden. Dabei geht es auch um die Frage, wann eine Vintage-Uhr original ist, wann authentisch und wann gefälscht. Die befragten Parteien kommen dabei nicht unbedingt zum gleichen Schluss, und auch unter Sammlern gibt es unterschiedliche Meinungen.
Abenteuerlicher Werdegang
Anhand von Fotos, die Sammler von Pauls Uhr hatten, und Bildern der bei Phillips verkauften Uhr lässt sich nachweisen, dass es sich um ein und dieselbe Uhr handelt, zumindest was Zifferblatt, Gehäuse und Teile des Werks anbelangt. Gespräche mit Kennern, die nicht namentlich genannt werden möchten, erlauben auch eine Rekonstruktion des Werdegangs der Speedmaster von einer zusammengebastelten Uhr zur teuersten je verkauften Omega.
Die Geschichte dürfte sich so zugetragen haben: Paul verkauft seine Speedmaster an Albert (Name der Redaktion bekannt). Dieser handelt viel mit Uhren, ist gut vernetzt und kennt spezialisierte Uhrenzulieferer. Albert ist klar, dass Pauls Uhr in ihrem jetzigen Zustand nicht besonders wertvoll ist. Aber er hat einen Plan. Warum nicht die Uhr dem Zifferblatt anpassen? Dann hätte man ein speziell schönes, seltenes «Original», das sich für deutlich mehr als 50 000 Franken weiterverkaufen liesse.
Denn das Zifferblatt ist tatsächlich eine Rarität. Zum einen stammt es von der ersten Speedmaster-Serie von 1957 bis 1959, was sich am O des Omega-Schriftzugs erkennen lässt. Dieses ist nicht wie bei späteren Modellen rund, sondern oval. Zum anderen hat das Zifferblatt diese spezielle ausgebleichte Farbe. Ein Materialfehler eigentlich – doch einer, der es selten und wertvoll macht.
Geänderte Seriennummer
Die grösste Herausforderung ist das Werk. Es wurde eindeutig später als 1957/58 produziert. Die Seriennummer ist zwar schwer zu entziffern, aber sie beginnt mit den Ziffern 2300 oder 2500.
Speedmaster-Werke mit diesen Seriennummern gibt es erst seit 1966 bzw. 1967.
Albert braucht also entweder ein Werk, das aus der richtigen Zeit stammt, oder eine neue Seriennummer. Diese zu ändern, das ist grundsätzlich machbar – aber nur, wenn man weiss, welche Nummern überhaupt zu den Jahren 1957/58 passen. Ohne Zugang zu den Omega-Archiven ist dies praktisch unmöglich. Aber Albert hat eine Kontaktperson beim Uhrenhersteller, die ihm eine passende Seriennummer herausgibt: 15.500.066.
Nun muss die Nummer noch ihren Weg auf das Werk finden. Auch dafür hat Albert die richtigen Kontakte. Er wendet sich an einen professionellen Uhrenzulieferer in der Westschweiz und lässt sich für das Werk ein neues Teil, eine Ankerradbrücke, herstellen inklusive eingravierter neuer Seriennummer.
Das ist sorgfältige Handarbeit, die gut und gerne tausend Franken kostet. Aber wenn sich der Wert der Uhr dadurch steigern lässt, lohnt sich das allemal. Die Brücke, die auf der Kupplung sitzt, wird ebenfalls ersetzt, wie die nachfolgenden Bilder zeigen, denn bei den frühesten Modellen ist sie nicht asymmetrisch, sondern symmetrisch. Solche Kupplungen muss man nicht einmal nachbauen. Sie lassen sich für wenig Geld auf dem Markt finden.
Lünette einer anderen Uhr
Wie Albert zu einer passenden, historisch korrekten Lünette kommt, ist nicht restlos geklärt – woher sie stammt, allerdings schon: Laut einem Artikel des
auf Fälschungen spezialisierten Bloggers José Perez vom 9. April 2023 handelt es sich um die Lünette einer Speedmaster Ref. 2915-2 aus dem Jahr 1958, die
im November 2018 versteigert wurde – ebenfalls bei Phillips in Genf. Perez belegt seine These mit hochaufgelösten Fotos beider Uhren. Diese zeigen deckungsgleiche Gebrauchsspuren auf beiden Lünetten.
Ein neuer Sekundenstoppzeiger muss ebenfalls her, denn derjenige von Pauls Uhr hat eine Pfeilspitze, während im Original ein dünner Zeiger verwendet wurde. Auch für die Leuchtmasse auf den Zeigern und Indizes findet Albert Lösungen. Am Schluss stahlt die Speedmaster wie gewünscht leicht radioaktiv. Versierte Sammler kaufen keine Uhr aus den 1950er Jahren, ohne sie zuvor mit einem Geigerzähler auf Radium zu testen.
Spektakuläres Bieterverfahren
Nun ist die Uhr bereit für den Weiterverkauf. Ein Partner von Albert liefert die Speedmaster beim Auktionshaus Phillips ein. Versteigerungen sind der beste Weg, um Vintage-Uhren teuer zu verkaufen. Zudem muss man als Verkäufer nicht selbst in Erscheinung treten. Weder Käufer noch Öffentlichkeit erfahren, von wem die Uhr stammt.
Phillips arbeitet im Uhrenbereich mit Aurel Bacs zusammen. Ein begnadeter Auktionator, der es schafft, an den hitzigen Live-Events eine Atmosphäre zu kreieren, die regelmässig zu Preisrekorden führt.
2017 beispielsweise versteigerte er die Rolex Daytona des US-Schauspielers Paul Newman für umgerechnet 15,5 Millionen Franken und erzielte damit den höchsten Preis, der bis dahin je für eine Armbanduhr bezahlt worden war. Solche Preisrekorde sind gut fürs Geschäft, da sie neue Kunden anlocken, die für ihre Uhren ebenfalls auf hohe Preise hoffen.
Das Los Nummer 53, im
Katalog als Omega Ref. 2915-1 «Tropical Broad Arrow» beschrieben, geht denn auch für die erwähnten über 3 Millionen Franken nach China.
«Ehemalige Mitarbeiter mit kriminellen Absichten»
Bei Omega ist die ursprüngliche Begeisterung über den Rekordpreis mittlerweile der Ernüchterung gewichen. Die Uhrenherstellerin, die zur Swatch Group gehört, hat eigene Ermittlungen eingeleitet, die noch im Gang sind. «Die ersten Ergebnisse (dieser Untersuchung) haben eindeutige Beweise dafür erbracht, dass drei ehemalige Mitarbeiter mit klaren kriminellen Absichten an dieser Operation beteiligt waren, und dies zu massivem Schaden für Omega», schreibt der CEO Raynald Aeschlimann auf Anfrage.
«Nachdem wir sie mit den Fakten konfrontiert haben, haben sie gestanden, betrügerisch und kriminell gehandelt zu haben. Wir sind jetzt daran, alles bis ins letzte Detail zu rekonstruieren und auch (wahrscheinliche) externe Komplizen dingfest zu machen.»
Das Unternehmen werde den Fall so schnell wie möglich vor Gericht bringen, schreibt der Omega-Chef Aeschlimann weiter. Was genau alles an der Uhr nicht stimmt, gibt das Unternehmen wegen der laufenden Ermittlungen nicht bekannt.
Dass die Ankerradbrücke mit der Seriennummer ausgetauscht wurde, wird jedoch bestätigt. «Die Brücke wurde nicht von Omega hergestellt und war nicht original im Werk», schreibt Aeschlimann. Der Laie würde wahrscheinlich von einer Fälschung sprechen.
Mit der Aussage von Omega konfrontiert, reagiert Phillips überrascht. Laut dem Auktionator Bacs gab es nach der Auktion zwar neue Informationen, dass die Lünette und andere Verbrauchsteile ausgetauscht worden seien. «Aber die Ersatzteile waren nach unserem Wissen ausschliesslich originale Omega-Teile, weshalb die Authentizität der Uhr
gemäss offizieller Omega-Definition gewährt ist. Dass Teile gefälscht sein könnten, hat bis jetzt niemand behauptet.»
Eine Stellungnahme gibt Phillips noch nicht ab: «Wir hatten nicht die Gelegenheit, Omegas Behauptungen zu lesen und zu studieren, daher können wir zu dieser Entwicklung noch keine Stellungnahme abgeben.»
Das Auktionshaus betont aber auch, dass es sich um wichtige neue Informationen handle, die man sehr ernst nehme: «Wir nehmen sofort mit Omega Kontakt auf. Sobald wir Klarheit haben, werden wir selbstverständlich mit dem Käufer sprechen. Zusammen mit dem Käufer werden wir dann die Beweise überprüfen, deren Auswirkungen bewerten und gegebenenfalls weitere Untersuchungen zur Echtheit der Uhr durchführen», schreibt Phillips.
Kein Einzelfall
Dass Vintage-Uhren «optimiert» werden, ist laut Sammlern eine weitverbreitete Praxis. Nicht immer ist die Manipulation so schwerwiegend wie im Fall dieser Speedmaster. Aber dass Teile von verschiedenen Uhren des gleichen Modells in einer neuen Uhr zusammenfinden, ist schon fast Usus. Seit die Preise für Vintage-Uhren so stark abgehoben hätten, seien Manipulationen gang und gäbe, meint auch ein Branchenkenner, der anonym bleiben möchte. So viele «äusserst seltene» Omega- oder Rolex-Modelle, wie in den vergangenen Jahren angeboten worden seien, gebe es gar nicht.
Die Gewinne, die sich auf diese Art und Weise erzielen lassen, sind enorm und locken entsprechend auch Leute mit krimineller Energie an. Aus ihrer Sicht haben Vintage-Uhren einen Vorteil: Im Gegensatz etwa zu Kunstwerken handelt es sich in der Regel nicht um Einzelstücke. Rolex- oder Omega-Uhren beispielsweise wurden schon in den 1960er und 1970er Jahren in grossen Mengen produziert. Eine lückenlose Nachverfolgung – wo überall beziehungsweise in wessen Händen eine Uhr war – ist nur in den seltensten Fällen möglich.
Lukrativer Vintage-Hype
Ein echtes Interesse, bei Vintage-Uhren genau hinzuschauen, haben zudem die wenigsten. Die involvierten Parteien – Verkäufer, Auktionshäuser und Uhrenhersteller – profitieren vom Hype und von den steigenden Preisen. Umgekehrt haben Käufer wenig Handhabe, sich zu wehren – wenn sie denn überhaupt merken (wollen), dass bei ihrer Uhr etwas nachgeholfen wurde.
Die Auktionshäuser haben vor allem ein Ziel: möglichst viele Uhren zu möglichst hohen Preisen zu verkaufen. Zeitmesser haben sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftsfeld entwickelt. Zwischen 2019 und 2022 nahmen die Umsätze bei Versteigerungen gemäss den Daten der Schweizer Beratungsfirma
The Mercury Project um 80 Prozent auf 702 Millionen Franken zu. Phillips ist mit einem Marktanteil von 31,2 Prozent nicht nur der grösste Player (knapp vor Christie’s mit 30 Prozent und Sotheby’s mit 22 Prozent), sondern auch derjenige mit dem höchsten Durchschnittspreis der versteigerten Uhren (128 000 Franken).
Käufer müssen sich selber schlaumachen
Auktionshäuser prüfen eingereichte Objekte zwar laut eigenen Angaben auf Authentizität. Und wenn eine Uhr sich als Fälschung oder Nachahmung erweist – das heisst, wenn sie nicht vom Hersteller stammt, der im Katalog angegeben ist –, hat der Käufer gemäss der sogenannten «authorship warranty» (Gewährleistung der Urheberschaft) eine fünfjährige Geld-zurück-Garantie.
Bei Vintage-Uhren geht es jedoch oft um Subtileres: Welche Teile der Uhr gehörten schon immer zusammen? Welche sind zwar echt und aus der richtigen Zeit, aber stammen von einer anderen Uhr? Welche wurden vom Hersteller später produziert oder gar von jemand anderem nachgebaut? Dies bis ins letzte Detail zu prüfen, dafür fühlen sich die Auktionshäuser nicht zuständig; und es wäre wohl auch illusorisch, selbst wenn man wie Phillips dreissig Spezialisten für Sammleruhren beschäftigt.
So heisst es in den
Verkaufsbedingungen typischerweise, das Wissen des Auktionshauses in Bezug auf jedes Los hänge teilweise von den Informationen ab, die vom Verkäufer zur Verfügung gestellt würden. Man sei selber nicht in der Lage, eine umfassende Prüfung jedes Loses durchzuführen.
Die Verantwortung wird stattdessen dem Käufer übertragen: «Potenzielle Käufer erkennen diese Tatsache an und übernehmen die Verantwortung, Inspektionen und Untersuchungen durchzuführen, um sich über die Lose zu informieren, an denen sie interessiert sein könnten.»
Um den Käufern diese Inspektionen zu ermöglichen, schickt Phillips seine Uhren vor der Auktion auf Roadshow rund um die Welt. «Wir wenden hohe Summen auf, um es möglichst allen Interessenten zu erlauben, die Uhr live zu sehen oder von einem Experten ihres Vertrauens untersuchen zu lassen», betont der Uhrenauktionator Aurel Bacs.
Ein Archivauszug ist keine Echtheitsbestätigung
Nicht nur die Auktionshäuser, auch die Uhrenhersteller haben keinerlei Interesse, das Geschäft mit Sammleruhren zu bremsen. Gute Resultate an Auktionen nützen ihnen mehr als die beste Werbung. Nicht umsonst investieren gewisse Uhrenmarken viel Geld, um selber an Auktionen mitzusteigern.
Wäre den Herstellern die Authentizität von Vintage-Uhren ein grosses Anliegen, würden sie anbieten, diese auf Echtheit zu überprüfen. Einen solchen Service offerieren jedoch die wenigsten Marken. Ein Auktionshaus kann nicht zu Rolex oder Patek Philippe gehen, um eine Uhr zertifizieren zu lassen, die versteigert werden soll.
Omega ist hier die Ausnahme von der Regel. Seit 2019 bietet die Marke
offizielle Echtheitszertifikate für ihre über 30-jährigen Vintage-Uhren an. Für dieses Zertifikat, das 800 Franken kostet, wird die Uhr laut Omega vom eigenen Heritage-Team auf Herz und Nieren getestet.
Umso mehr erstaunt es, dass dieser Service nicht vermehrt in Anspruch genommen wird. Phillips argumentiert, dass dafür in der Regel die Zeit fehle. Das Erstellen eines Echtheitszertifikats dauert gemäss der Omega-Website mindestens zwei Monate. Die Zeit zwischen dem Moment, an dem Phillips eine Uhr zum Kauf angeboten werde, und dem Zeitpunkt der Auktion sei in der Regel viel zu kurz dafür.
Bei der beschriebenen alten Speedmaster jedenfalls beliess es das Auktionshaus beim obligaten Auszug aus den Omega-Archiven. Der Auszug ist jedoch kein Beweis für die Echtheit der Uhr. Er bestätigt einzig, dass am 22. November 1957 eine Speedmaster hergestellt wurde, deren Werk die Seriennummer 15.500.066 trägt.
War der Käufer ein Sammler?
Scheinbar gibt es genügend Käufer, denen es nicht so wichtig ist, ob ihre Uhr zu hundert Prozent original ist oder nicht. Hauptsache, sie gefällt, sieht glaubwürdig aus und lässt sich später allenfalls noch teurer weiterverkaufen.
Auch im beschriebenen Fall ist es wenig wahrscheinlich, dass sich der Käufer je über seine Speedmaster beklagen wird, selbst wenn die Uhr offiziell als Fälschung deklariert würde. Nicht nur, weil es sich trotz der Manipulation am Werk um ein laut Sammlern ausserordentlich schönes Exemplar dieses seltenen frühen Modells handelt. Falls tatsächlich ein Sammler zugegriffen hat, dürfte es ihm auch peinlich sein, nicht genauer hingeschaut zu haben.
Möglich ist auch, dass der Käufer gar kein Sammler war. Eine Uhr in diesem Ausmass zu überzahlen, ergibt aus Sammlerperspektive schlicht keinen Sinn. Eher erklärbar wäre der hohe Preis, wenn es sich um eine konzertierte Aktion der Verkäufer gehandelt hätte – aus welchem Motiv auch immer.
In diesem Fall würde man allerdings wohl sowieso nie mehr etwas von dieser Omega Speedmaster «Tropical Broad Arrow» hören. Vielleicht existiert sie gar nicht mehr, sondern wurde bereits wieder in ihre Einzelteile zerlegt, von denen dann die wertvollsten dereinst in neuer Kombination wieder auftauchen.
Update vom 2. Juni 2023:
Der obenstehende Artikel wurde am 1. Juni 2023 publiziert. Zu diesem Zeitpunkt war unklar, wer die Uhr an der Auktion zu einem so exorbitanten Preis gekauft hatte. In der Branche wurde gemunkelt, dass zwei äusserst wohlhabende Sammler versucht hätten, sich gegenseitig zu überbieten, aber diese Geschichte war nicht besonders glaubwürdig.
Einen Tag nach der Veröffentlichung
gab Omega jedoch überraschend bekannt, die Uhr selbst gekauft zu haben.
In einer Mitteilung, die an die NZZ und verschiedene Fachmedien versandt wurde, heisst es, die besagte Omega Speedmaster 2915-1 «Tropical Broad Arrow» sei vom Leiter des firmeneigenen Museums mit dem Segen der Firmenleitung gekauft worden. Der Museumsdirektor habe argumentiert, dass diese spezielle Speedmaster von 1957 eine seltene und aussergewöhnliche Uhr sei, die in die Sammlung von Omega aufgenommen werden müsse und daher unabhängig vom Preis bei der Auktion gekauft werden müsse.
Dass Omega selbst an der Auktion zugeschlagen und dabei en passant einen Rekordpreis produziert hat, ist nichts Aussergewöhnliches, im Gegenteil: Es ist ein offenes Geheimnis in der Branche, dass das viele Uhrenhersteller im Stillen tun. Einerseits um seltene Stücke wieder in die eigenen Hände zu bekommen. Anderseits auch, um die Preise für Vintage-Uhren zu pflegen und damit Begehrlichkeiten bei reichen Käufern zu wecken.
Der Fall der zusammengebastelten Rekord-Speedmaster ist jedoch verzwickter: Die gleichen drei Mitarbeiter – unter ihnen gemäss Omega der Leiter des hauseigenen Museums – waren auf der Verkäufer- wie auch auf der Käuferseite aktiv.
Will heissen: Die drei Omega-Mitarbeiter haben zusammen mit Drittpersonen aus Original- und nachgebauten Teilen eine Uhr kreiert, ihr einen sauberen Stammbaum ausgestellt und sie dann – mit Geld von Omega – zu einem sehr hohen Preis gewissermassen sich selber abgekauft. Sie stehen damit im Verdacht, sich selbst bereichert und Omega betrogen zu haben.
Die Uhrenmarke Omega, die Teil der Swatch Group unter der Leitung der Familie Hayek ist, und das Auktionshaus Phillips geben beide an, Opfer organisierter Kriminalität zu sein. Omega hat angekündigt, rechtliche Schritte gegen alle beteiligten Parteien einzuleiten.