#3027
Kümmelklabauter
13 Apr. 2025, 13:49
Zitat von: ostmetal
hätte ich nicht gedacht, aber mit adolescence hat netflix echt einen kracher rausgemeddlt.
Na ja, ein Kracher war das nun wirklich nicht. Folgen 1 und 3 fand ich sehr gut, Folge 2 war beschissen - hab währenddessen ausgemacht, mich aber später zum Beenden durchgerungen - und Folge 4 war in Ordnung. Solides Erlebnis bei der ersten Sichtung, birgt für meine Begriffe aber keinen Wiederguckwert und fällt allein deshalb schon aus der Kategorie Kracher.
Die Kamera als ständiger und unter den Charakteren überspringender Begleiter ist für so eine Miniserie von vier Folgen zwar erträglich, wirkte gen Ende aber doch deutlich ausgereizt und hat mich irgendwie genervt. Erschien bisweilen forciert - da wurde eindeutig für die Kamera geschrieben, und nicht - wie es eigentlich sein sollte - das Geschriebene cinematisch umgesetzt. Vermutlich mochte ich die Folgen 1 und 3 (nicht nur, aber auch) deshalb lieber. Die waren schließlich eher kammerspielartig konzipiert.
Darin lag auch die eigentliche Stärke der Serie: Ich war echt schon positiv überrascht, als am Ende der ersten Folge jeder Zweifel an Jamies Schuld ausgeräumt war. Auf so einen War-ers-oder-nicht-Krimi hätte ich echt massiv keinen Bock gehabt. Der wurde es ja zum Glück auch nicht, ich freute mich stattdessen auf ein ausführliches Psychogramm des Täters über die künftige Serienlaufzeit - und dann kam Folge 2.
Was für ein Kack. Vielleicht habt ihr was gesehen, was ich nicht gesehen hab, aber da geschah wirklich nichts, was der Serie auf irgendeine Art und Weise zuträglich war. Die beiden Jungs am Anfang, Jamies Freunde, befeuerten genau das, was ich eigentlich nicht sehen wollte: müßige Fragen über (Mit-)Täterschaft, die eigentlich längst geklärt ist. Mich als Zuschauer interessiert nicht, wer Jamie das Messer verschafft hat (dafuq, btw - wer braucht denn Hilfe, um Zugriff auf ein Messer zu bekommen?), mich als Zuschauer interessiert nicht die nervige beste Freundin des Opfers und mich als Zuschauer interessiert auch nicht, welcherlei Vater-Sohn-Konflikte der Ermittler privat hegt. Und ja, natürlich verstehe ich, wo die Folge konzeptionell hin wollte: gesamtgesellschaftliche Verantwortung, kein Faktor steht für sich allein, die alte Generation steht der vermeintlichen trendy Incel-Scheiße ahnungs- und ratlos gegenüber und wenn wir bloß genug kommunizieren, können wirs besser machen. Allein: das Konzept landet nicht. Ihr könnt mich nicht erst hungrig auf Buddeleien in Jamies Seele machen und mir dann so einen geschmacklosen bewegtbildgewordenen Allgemeinplatz vorsetzen, das funktioniert nicht. Schmerzhaft offensichtlich wird die Agenda der Serie auch durch das selten dämliche Schlussstatement von Frau Ermittlerin:
"You know what I don't like about all this? The perpetrator always gets the front line: the man raped the woman! [...] Everyone will remember Jamie; no one will remember her."
Ja, alles klar. Wenn das dein Take ist, such dir doch den passenden Job - Notfallseelsorgerin, Journalistin oder irgendwas mit Opferfokus - und halt dich aus, na ja, der STRAFVERFOLGUNG raus, du dumme Fotze! Da spricht der Schreiber mal 1:1 aus seinem Charakter, und es ist wirklich cringe. Eine kleine, dämliche Verfolgungsjagd - weißer Lappenjunge hängt fast den durchtrainierten Schwatten ab - setzt noch das Sahnehäubchen auf diese unwürdige Folge, die danach zum Glück ihr Ende findet.
Folge 3 rehabilitiert die Serie. Da ist bei weitem nicht alles realistisch oder glaubhaft, aber sie funktioniert immerhin wieder im Gesamtkontext. Bot gen Ende meinen persönlichen Höhepunkt der Serie: Jamies "That makes me better, right?"-Monolog, gefolgt von einer Pause, einem Rücknahmeversuch und der wirklich sehr gut gespielten Angewidertheit der Gutachterin. Auf so eine lohnende Szene hätte man gern noch länger hinarbeiten können: Folge 2 killen, stattdessen das erste Treffen von Jamie und Gutachterin (oder Jamie und Gutachter Nr. 1) zeigen. Aber gut: kann man jetzt micht mehr ändern.
Folge 4 ist, na ja ... ein Epilog? Ein ellenlanger Epilog. Konnte ich über weite Teile nichts mit Anfangen. Die Fahrt zum Baumarkt tat echt weh - und das nicht im positiven Sinne. Im Grunde dasselbe Problem wie Folge 2: interessiert mich halt alles irgendwie nicht. Eddie wird 50, fickt seine Erna zu Weihnachten in Strapse, ist auf dem Schulball zu Take on me ausgerutscht und die Tochter frisst gern Krupuk. Ganz toll. Warum da "NONse" (Britenslang für Pädo? Kannte ich nicht!) auf den Transporter geschrieben wurde, hab ich bis heute nicht verstanden, und die Begegnung mit dem Fellow Incel im Baumarkt, der bereitwillig 1 Verschwörungserzählung raushaut, wandert auch irgendwie auf dem schmalen Grat zum Klamauk. Da hilft mir dann auch das verzweifelte Vatergeheule nicht mehr weiter, vor allem nicht nach gefühlt zehn emotionalen Wechselbädern im Familiengefüge innerhalb von knapp 60 Minuten.
Das sind die Eckszenen, die bei mir klebengeblieben sind. Vielleicht went da auch was over my head, wie der Angelsachse sagt, aber wie eingangs schon erwähnt: Meisterwerk o. ä. tät ichs nicht nennen. Vielleicht schränke ich nach diesem kurzen Recap mein Statement sogar ein: Folgen 1 und 3 guck ich eventuell irgendwann noch mal, aber 2 muss ich definitiv skippen.