#1143
MächtigerMauzer
14 März 2026, 19:26
Zitat von: Sorgfalter
Wer kennt's nicht: Bulimielernen. Bei ungeliebten Pflichtfächern zu verschmerzen. Die Prüfungen zu bestehen und die Schule abzuschliessen waren das Ziel. Danach hat man (hoffentlich) gemacht, worauf man Bock hat.
Wenn nun aber in der späteren Laufbahn und im Alltagsleben ein künstliches Denken dem eigenen, initialen Nachdenken permanent vorgeschaltet ist, scheint ein Verkümmern dieser Fähigkeit (oder gar Hirnregion) unausweichlich. Use it or lose it.
Die Vorstellungskraft von Mathelehrern ist bekanntermassen so ausgeprägt, dass sie sich eine Zukunft, in der alle immer einen Taschenrechner bei sich haben, nicht ausmalen konnten. Sie wurden eines Besseren belehrt, während die Sprachlehrer sich immer noch sicher fühlten. Aber auch dem Vokabeln-Auswendiglernen geht's dank Ohrstöpsel-KI-Simultanübersetzung an den Kragen. Tricorder und Universalübersetzer aus Star Trek sind allmählich Realität.
Du deutest es an: Die Zukunft gehört denen, die sich (diese) Technologie zunutze machen, wohlwissend ihrer Beschränkungen und Gefahren. Ein Zurück gibt es nicht, nur ein Zurückbleiben.
Wenn wir uns diese Fähigkeiten nicht mehr selbst aneignen, machen wir uns abhängig von der Technologie. Wir erfinden immerneue Krücken und verküppeln uns proportional dazu. Dem möchte man entgegnen, dass das mit jeder Technologie so war, selbst wenn wir bis zum Beginn der Geschichtsschreibung (und darüber hinaus) zurückschauen: Wer Bücher druckte, verlernte das Handschreiben. Wer aufschrieb, vergass das Auswendiglernen und Rezitieren. Wer Wörter benutzte, schenkte Mimik/Gestik und dem brünstigen Grunzen des Gegenübers weniger Beachtung (kennste kennste, hier sich einen Mario-Barth-Witz denken). Verlust und Gewinn neuer Technologie bedingen sich, auch wenn das nicht ein Nullsummenspiel bedeuten muss. Sicher ist einzig die Veränderung.
Wer komplett aus der Zeit gefallen ist, also noch (oder wieder) das arkane Wissen, die alten Fähigkeiten wie Lesen und Schreiben besitzt, könnte als Genie, Magier und/oder verrückt verkannt werden. Doch diese Mentats Tech-Priester inselbegabten Autisten könnten es 2046 schliesslich sein, die uns im zweiten Bultlerianischen Dschihad aus Gottimperator ElDon Mumps singulärem Botnetz befreien werden.
Es gibt wohl einen Wendepunkt, bis zu dem das Auslagern von Wissen statt das Lernen/Verinnerlichen Sinn macht. Überschreitet man diesen Punkt, disqualifiziert man sich im eigentlichen Sinn und wird austauschbar.
In diese Richtung scheint es zu weisen, etwa mit Claude Cowork, OpenClaw, Manus (nun Meta). Irgendwann danach der Embodiment-Sprung in die Boston-Dynamics-Terminator.
So wie es ganze Branchen eigentlich nur gibt, weil Menschen nicht googlen können. Stellt euch vor, wieviel mehr die nun abgehängt sind.
Wie sicher fühlt ihr euch in eurem Job?
Im Hinblick auf Texte gibt es einen großen Unterschied zu reinem "rechnen": Man lernt in der Schule über viele Jahre, Texte zu schreiben, nicht nur um des Textes willen ("Mein schönstes Ferienerlebnis"), sondern weil man dadurch lernt, Gedanken zu strukturieren. Also im Kopf eine Reihenfolge feszulegen, Wichtiges von Unwichtigem trennen, usw.
Wenn ich z.B. drei Tage auf einer Konferenz war und der Chef fragt "Was gab es da Interessantes?", läuft im Kopf diese Routine ab: Ich sortiere die Erinnerungen und muss einen knappen Bericht liefern. Genau diese Fähigkeit wird verloren gehen, wenn Leute diese basic skills nicht mehr lernen.
Möglicherweise klingt irgendwann die alltägliche Sprache eines erwachsenen Menschen so:
Ich sehe bereits jetzt die ersten Tendenzen, wenn ich Klausuren korrigiere (Geisteswissenschaften): Man sieht, dass manche Leute schon gelernt haben, was in den Folien steht, aber dass es ihnen nicht mehr gelingt, das Gelernte zu sortieren und zu strukturieren. Das wird langfristig problematisch, weil wir diese Skills ständig brauchen, in jeder Konversation. Es wäre sehr schräg, wenn mich jemand fragt, was ich so im Urlaub gemacht habe und ich dann erstmal das Hendi zücken muss.
Man kann auf das Taschenrechner-Beispiel zurückkommen: Wenn ich via Zeitmaschine in eine Gesellschaft ohne Taschenrechner zurückgeworfen würde, wäre ich völlig aufgeschmissen und müsste das (Kopf)Rechnen im höheren Zahlenraum - z.B. um Kaufmann zu werden - komplett neu lernen.